Die vier Hürden zur Wiederentdeckung der Musse

hier die versprochene Fortsetzung dieses Artikels:

Das erste Hindernis besteht in dem Glauben, den uns all die Ratgeber und Zeitmanager suggerieren: dass es sich nämlich um ein individuelles Problem handele, das man durch eine entsprechende Verhaltensänderung ganz leicht lösen könne. Dabei ist das Gefühl des ständigen Gehetztseins längst kein persönliches, sondern ein kollektives Problem. Wer von lauter gehetzten Menschen umgeben ist, kann sich selbst davon nicht plötzlich ausnehmen und zum entspannten Müssiggänger werden. Deshalb leiden selbst jene unter Zeitnot, die darüber eigentlich bestens Bescheid wissen.

Das zweite Hindernis: Wer Musse nur als Zeit der Wellness und Fitness versteht, unterwirft sie prompt wieder jenem Nützlichkeitsdenken, das bereits unseren gesamten Arbeitsalltag regiert. Musse wäre dann nichts anderes, als eine funktionielle Methode, um die Schaffenskraft wiederherzustellen. Dabei hatte dieser Begriff ursprünglich eine ganz andere Bedeutung: Das „Fernsein von Geschäften oder Abhaltungen“, wie Grimms Wörterbuch die Musse definiert, galt einst als edelste Haltung des Menschen; in solchen Zeiten kam man zu sich selbst, philosophierte vielleicht, genoss die Natur oder bildete sich weiter. Vor allem unterlag Muss keiner Verwertungslogik; man fragte nicht, was etwa das Philosophieren am Ende „bringe“, der Müssiggang war sich selbst genug, ein Lebenswert an sich.

Was geradezu nach verschwenderischem Luxus klingt, betrachten Hirnforscher mittlerweile als Zustand, den wir zur Regeneration dringend benötigen; ein gewisser Leerlauf im Kopf ist für unsere geistige Stabilität geradezu unabdingbar.

Bei Erwerbstätigen stehen selbst Wochenenden, Urlaubs-und Feiertage unter Erfolgsdruck- in diesen Zeiten will schliesslich all das nachgeholt sein, was im Alltag zu kurz kommt. Und wir wundern uns, warum sich die lang ersehnte innere Ruhe nicht so recht einstellen will. Das dritte Hinderniss auf dem Weg zur Musse wäre also der permanente Erwartungsdruck, mit dem wir uns selbst den Weg zum Genuss der freien Zeit verstellen.

Das mit dem Wohlstand ist so eine Sache. Paradoxerweise, und das ist das vierte Hindernis, strengt uns nämlich gerade das an, was eigentlich als Glücksversprechen gedacht ist: die schier unendliche Vervielfältigung der Möglichkeiten. Das bessere Leben, so haben wir gelernt, ist jenes mit dem dickeren Bankkonto, der noch grösseren Wohnung, dem noch schnelleren Auto, der noch weiteren Reise.

Bis in die Achtziger Jahre glaubte man tatsächlich, dass ein Mehr an Möglichkeite die Menschen auch glücklicher mache. Doch mittlerweile meldet die Sozialpsychologie Zweifel an. Denn es hat sich gezeigt: Je grösser die Auswahl, umso mühsamer die Entscheidung. Wer zwischen einer kaum zu überschauenden Zahl von Fernsehkanälen oder Joghurtmarken wählen muss, gewinnt nicht an Freiheit- wie die Werbung suggeriert- sondern erhöht seinen Stresspegel.

Die wahre Kunst des Müssiggangs steht also nicht in entsprechenden Musse-Angeboten. Vielmehr gilt es, mit der fatalen Logik des Immer-Mehr zu brechen und das trügerische FreiheitsVersprechen der Multioptionsgesellschaft zu durchschauen.

Wem es gelingt, sich diese Form der Selbstbestimmung zu bewahren, der dürfte am ehesten auch jene innere Ruhe finden, nach der wir uns alle so sehnen. Denn letztlich hat die Kunst der Musse nichts mit der Zahl der freien Stunde zu tun, sondern mit einer Haltung.
„Musse“, so drückt sich die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny aus, “ ist die Intensität des Augenblicks, der sich zeitlich zu Stunden oder Tagen ausdehnen kann, um sich auf ein Einziges zu konzentrieren: Eigenzeit. Musse ist die Übereinstimmung zwischen mir und dem, worauf es in meinem Leben  ankommt.“

aus Die Zeit

In dem Sinne verzeiht mir bitte, dass dieser Artikel so lang ist und geniesst Euer Wochenende mit dem, was Euch Spass macht und habt ein wenig „Eigenzeit“:-)

12 Antworten to “Die vier Hürden zur Wiederentdeckung der Musse”

  1. Hausfrau Hanna Says:

    „In dem Sinne verzeiht mir bitte, dass dieser Artikel so lang ist“…

    Das verzeihe ich dir s e h r gern,
    liebe Andrea,
    da ich den Artikel richtiggehend eingeschlürft habe.

    Und so grüsst dich eine im Moment sehr ausgeglichene und wohlgespannte Hausfrau Hanna

  2. theomix Says:

    Liebe Andrea,
    interessant. Nun wollte ich das noch mal mit dem letzten Beitrag verbinden. ich klicke auf den Link, und lese: „Du hast nicht die nötigen Rechte, um diesen Artikel zu bearbeiten.“
    Aha… (Ich wollte ihn lesen, nicht bearbeiten.)
    Und gibt es noch eine Fortsetzung? ich wüsste ja doch jetzt gerne, was die Muße fördert…
    Herzlichen Gruß, Jörg

  3. andrea2007 Says:

    Liebe Hanna, oh da bin ich froh, ich selber mag nämlich endlos lange Artikel nicht so gern:-) Ich hatte ihn ja immerhin auch schon in 2 Beiträge aufgeteilt und ein wenig gekürzt… Schön, dass Du so entspannt bist, ganz liebe Feierabendgrüsse Andrea

  4. andrea2007 Says:

    Lieber Jörg, danke für den Hinweis, ich hab die Verlinkung nochmal aktualisiert, jetzt sollte es gehen. Eine Fortsetzung gibt es im Original nicht, aber vielleicht fällt mir noch was dazu ein:-) Liebe Grüsse Andrea

  5. Elisabeth Says:

    Na dann, liebste Andrea,
    dann mache ich es morgen so wie das süße Katzerl auf deinem Bild und lass es mir gut gehen und die Sonne auf den Bauch scheinen!🙂
    Liebste Herzensgrüße von Elisabeth

  6. Erika Says:

    Liebste Andrea,
    danke Dir für den Artikel und das süße Bild.
    “Musse”, so drückt sich die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny aus, ” ist die Intensität des Augenblicks, der sich zeitlich zu Stunden oder Tagen ausdehnen kann, um sich auf ein Einziges zu konzentrieren: Eigenzeit. Musse ist die Übereinstimmung zwischen mir und dem, worauf es in meinem Leben ankommt.”
    dem kann ich nur zustimmen, das weißt Du ja schon…..
    ein schönes Wochenende wünsche ich Dir
    herzlichst Erika🙂

  7. andrea2007 Says:

    Liebste Elisabeth, ich freu mich auch drauf, mich mal einfach so zu entspannen, bald… Liebste Herzensgrüsse zu Dir, Andrea

  8. andrea2007 Says:

    Liebste Erika, ich finde diese Definition auch so treffend und so schön… ich stimme da auch sehr zu:-) Liebste Sonntagabendfeierabendgrüsse Andrea

  9. Mamü Says:

    Liebe Andrea,

    ich finde den Artikel gar nicht so lang.🙂 Lang ist immer relativ.
    Und das Foto ist ja soooooooooooo süüüüüüüüüüüüß.🙂

    Spontan fällt mir als erstes die vierte Hürde ins Auge. Das ist mir schon so oft aufgefallen. Wenn ich z.B. einfach nur Frischkäse kaufen will, dann stehe ich schon eine halbe Ewigkeit davor, erschlagen von Sorten, die ich gar nicht haben will. Ich will einfach nur den normalen classischen Frischkäse. Nicht fettreduziert, nicht Balance (was auch immer das für den Käse heißen soll) oder sonstiges. Letztens habe ich verzweifelt und entnervt eine andere Marke genommen, weil ich den ganz normalen Frischkäse „meiner“ Marke nicht finden konnte.🙄

    Manchmal stehe ich vor einem Regal und weiß überhaupt nicht mehr, was ich von der ganzen Auswahl nun kaufen soll. Ich bin schon froh, wenn ich nichts Neues brauche, sondern Altbewährtes kaufen kann, zielstrebig darauf zusteuern kann und es dann auch noch an dem Platz steht, wo es immer steht.🙂

    Mir ist es schon oft so ergangen, dass ich voller Elan etwas Schönes kaufen wollte und dann von der Auswahl so erschlagen war, dass ich mich nicht entscheiden konnte und nichts gekauft habe. Und der Elan war futsch. Ich fühlte mich nur gestresst.🙂
    Manchmal wäre wirklich weniger mehr, kann ich nur sagen.
    Und doch liebe ich es Auswahl und viele Möglichkeiten zu haben. Aber zu viel Auswahl und Möglichkeiten… das tut wiederum nicht gut. *seufz*

    Liebe Grüße,
    Martina

  10. Babsi Says:

    liebste andrea
    also über die muse hatten wir beide ja schon geschrieben, bei mir muß es nichts mit schaffen und hetzen zu tun haben und bei dir jaauch nicht.
    und wer bestimmt nun, was nützlich ist??:)
    und für mich gilt eine regel:für das was mir echt wichtig ist nehm ich mir die zeit🙂

    ansonsten mah ichs wie das katzi und streck gern alle 4 von mir

    allerliebste musengrüße von babsi

  11. andrea2007 Says:

    Liebe Martina, da bin ich froh…:-) Ich musste ein wenig schmunzeln bei Deinem Erfahrungsbericht mit der vierten Hürde:-) Kann ich gut nachvollziehen, ich hab mittlerweile bei wichtigen Dingen ganz klare Kriterien (z.b. neue Kamera, muss klein sein, leicht zu bedienen usw…), das schränkt das Angebot dann ein. Bei Käse, nun ja, jeder Schweizer Käse ist wirklich lecker und da geh ich nach dem, was ich kenn oder einfach nach Gefühl und mach es mir gar nicht so schwer… Zuviel Auswahl ohne Kriterien ist stressig, da stimm ich Dir zu… LIebe Grüsse Andrea

  12. andrea2007 Says:

    Liebste Babsi, ICH bestimme, was für MICH nützlich ist…:-) Und Du hast recht, für das, was wirklich wichtig ist, nehmen wir uns auch die Zeit… Allerherzlichste Abendgrüsse Andrea

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