Die Wiederentdeckung der Musse

Nichtstun ist wertvoll. Doch wir haben es verlernt, weil wir nicht mehr aus dem immer schnelleren Alltag ausbrechen können.

Wenn er sich zum Mittagsschlaf zurückzog, hängte der franz. Dichter Saint-Pol-Roux an seine Tür das Schild: “ Poet bei der Arbeit.“ Denn er wusste: Müssiggang ist aller Ideen Anfang. Wirklich schöpferische Einfälle kommen einem am ehesten dann, wenn man sie nicht zu erzwingen versucht.

Das gilt beileibe nicht nur für die Poesie. René Descartes, der Begründer des modernen Rationalismus, entwickelte seine Gedanken mit Vorliebe morgens im Bett. Dort sann er über Träume nach oder löste im Kopf mathematische Rätsel. Kein Wunder, dass der geruhsame Philosoph eines Tages auf den Gedanken verfiel, sein (untätiger) Körper und sein (hellwacher) Geist gehörten zu zwei unterschiedlichen Sphären. Entsprang die berühmte kartesianische Dualität , die Trennung von Körper und Geist, also letztlich der Gemütlichkeit?

Heute hingegen würde Descartes vermutlich morgens aus dem Bett springen, seinen Laptop einschalten und als Erstes das elektronische Postfach checken. Dort würde eine Flut aufgelaufener Mails auf ihn warten- für die Entwicklung des Kartesianismus bliebe keine Zeit.

Musse zum Nachdenken? Bei dieser Frage seufzen Desacartes‘ heutige Erben wehmütig. Wo soll im hektischen Wissenschaftsbetrieb dafür noch die Zeit herkommen?Ob unter Managern oder Politikern, Selbständigen oder Angestellten- überall breitet sich das Gefühl aus, permanent unter Druck zu stehen und sich keine Atempause gönnen zu dürfen.

Zeiten der Musse sind unter solchen Bedingungen zur bedrohten Ressource geworden. und dieser Mangel zieht sich durch alle Lebensbereiche. Denn wir leben, wie der Soziologe Hartmut Rosa diagnostiziert, in einer „Beschleunigungsgesellschaft“, in der das Gefühl des Gehetztseins zum Dauerzustand geworden ist. Was wir dabei schmerzlich vermissen, sind nicht so sehr die Zeiten des erschöpften Abhängens, sondern vielmehr jene mussevollen Stunden, in denen wir Herr über unsere Zeit sind und – ähnlich wie Descartes im Bett- unsere eigentlich Bestimmung suchen.

Eine Auszeit vom alltäglichen Immer-weiter-so ist mitnichten verlorene Zeit. Warum fällt es uns dennoch so schwer, das Hamsterrad der Geschäftigkeit öfter mal anzuhalten? Warum haben wir verlernt, die „Musse“ zu pflegen, wie das in früheren, langsameren Zeiten einmal hiess? Offenbar übersehen wir etwas Entscheidendes: dass wir nämlich, bei allen Klagen über die fehlende Musse, die Beschleunigung unseres Lebens auch geniessen.

Wer die Kunst des Müssiggangs erlernen will, tut gut daran, sich zunächst einmal mit all jenen Mechanismen auseinandersetzen, die ihr entgegenstehen. Vier Hürden sind es, die man bei dieser Selbsterforschung immer wieder stösst.

Fortsetzung folgt…

aus Die Zeit

Bildquelle

17 Antworten to “Die Wiederentdeckung der Musse”

  1. theomix Says:

    Liebe Andrea,
    eine der wichtigsten Lernerfolge im Latein-Unterricht:
    Muße heißt otium. Und die Arbeit, die alltägliche, negotia, also von nec-otium, der Verneinung von Otium. Arbeit ist die Abwesenheit von Muße und nicht umgekehrt.
    Und trotzdem haben die Römer mit so einer Haltung ein Weltreich gebaut.
    So, dann hoffe ich, dass gleich meine Hängematte bereitsteht. Ah, ich sehe, deine wird schon vorgewärmt 😉
    Liebe Grüße, Jörg

  2. Elisabeth Says:

    Wie herrlich, liebste Andrea!
    Dem Müssiggang gebe ich mich immer wieder mit bestem Gewissen hin – und genieße das Sein im Hier und Jetzt, vor allem, wenn ich das schöne Bild bei dir betrachte… sehr, sehr fein! *lächel*
    Allerliebste Sonnengrüße zu dir, Elisabeth

  3. Dori Says:

    Liebste Andrea,

    herrlich dieses Foto. Wie gerne wäre ich jetzt in dieser Hängematte.
    Auf der Alpha-Ebene kann ich mich gut in diese Hängematte denken und den Wind und die Sonne fühlen und das Nichtstun genießen.

    Danke, dass Du mir ein Lächeln in mein Gesicht gezaubert hast.

    Allerliebste Sonnengrüße
    Dori

  4. Erika Says:

    Liebste Andrea,
    ja, es ist sehr wertvoll, das Nichtstun genießen ohne schlechtes Gewissen und alles in einem angemessenen Tempo zu tun.
    Ich habe im Moment sehr viel Zeit und genieße es, einfach zu sein. Nicht wegrennen wollen, einfach zu Hause genießen, den Garten , den Frühling, die Ruhe, die Stille….. früher hätte ich das nicht mal ausgehalten, jetzt finde ich es total friedlich,ich komme auch innerlich zur Ruhe, empfinde es als Geschenk nach all den Jahren , die anstrengender waren….
    ganz liebe Grüße
    Erika

  5. Mamü Says:

    Ts, jetzt wo es spannend wird, die vier Hürden kommen, da ist es zu Ende, liebe Andrea.😉

    Liebe Grüße,
    Martina

  6. Babsi Says:

    liebste andrea
    bei deinen worten möcht ich nun umso mehr ins bettchen lach

    ich kenn nur den spruch:“müßiggang ist aller laster anfang“
    nun weiß ich, wie er richtig geht.
    und ich war schon immer eine, die die gemütlichkeit der hetzterei vorgezogen hat.
    mittlerweile renne ich übrigens auch kaum noch bahnen hinterher…ggg
    übrigens auch meine blogideen kommen meistens wenn ich am sofa liege :))
    allerliebste grüße von babsi

  7. andrea2007 Says:

    Lieber Jörg, obwohl ich auch das grosse Latinum (vor ziemlich langer Zeit) erfolgreich abgeschlossen habe:-), sind mir Deine Gedankengänge jetzt ein wenig kompliziert… Arbeit ist die Abwesenheit von Musse- ja das kann ich noch nachvollziehen…. bei den Römern passe ich….:-) Viel Spass in der Hängematte:-) Und meine Hängematte wird nur vorgewärmt, wenn ich da rein will, dann schaff ich das auch:-) Lächelnde Grüsse Andrea

  8. andrea2007 Says:

    Liebste Elisabeth, ich habe das lange Zeit nicht ohne schlechtes Gewissen gekonnt, war zu einer richtigen Arbeiterbiene mutiert, schrecklich. Heute nehm ich mir die Zeit- wenn irgendwie möglich- um auszuspannen, nachzudenken, einfach mal nur zu „sein“…und es geht mir dabei viel besser und vor allem kommen die viel besseren Gedanken, wenn ich ein wenig zur Ruhe komme…Allerliebste Ausruhgrüsse Andrea

  9. andrea2007 Says:

    Liebste Dori, oh ja, wir können ganz oft in unserer Hängematte sein…:-) Ich freu mich über Dein Lächeln, von Herzen Andrea

  10. andrea2007 Says:

    Liebste Erika, genauso seh ich das auch, das ist SEHR wertvoll, das tun zu können… Deine Beschreibung, wie Du zur Zeit mit der Musse und Deiner Zeit umgehen kannst und umgehst, die ist SEHR verführerisch, das ist auch mein grosses Ziel… Den Frieden spüre ich richtig bei Dir. Geniess das Geschenk, dass Du Dir selber gemacht hast, denn DU das das alles geschaffen… Herzlichste Grüsse Andrea

  11. andrea2007 Says:

    super es hat funktioniert, liebe Martina, ich konnte Dich neugierig auf die Fortsetzung machen:-) Ich selber mag keine zu langen Beiträge, deshalb hab ich das Thema aufgeteilt ind 2 Beiträge… Da können sich meine Leser die Zeit und Musse nehmen, den ersten Teil richtig zu geniessen…:-) Liebe Grüsse Andrea

  12. andrea2007 Says:

    Liebste Babsi, an DICH hab ich sofort gedacht beim Lesen des Artikels. Ich weiss um Deine bewusste Langsamkeit und wir haben auch schon einmal drüber „gesprochen“, Du bist damit vielen Menschen um Längen voraus! Ich seh richtig, wie Du auf dem Sofa liegst, Deinen Gedanken freien Lauf erlaubst und plötzlich – pling- eine Idee über Deinem Kopf erscheint…:-) Allerliebste Phantasiereisengrüsse Andrea

  13. Babsi Says:

    liebste andrea
    lach das hast du nun echt lieb gesagt
    aber in wien gehts auch für mich leider manchmal ´nur schnell schnell. zb schnell in ubahn rein und raus, sonst wirst von der masse umgerissen.
    alk kind bin ich mal allein in der strassenbahn weitergefahren weil ich mit meiner schulklasse nimmer nachkam. ich armes würmchen sah nur noch unter tränen die lachenden gesichter meiner mitschüler…ich konnt noch nicht allein strassenbahn fahren und keiner holte mich ab.
    ´dann bin ich immer nur beim fahrer ein und aus gestiegen. nun bin ich ja schon selbstsicherer aber wie schon gesagt langsamkeit wird oft bestraft…
    trotzdem, ich glaub weiter an die kraft der langsamkeit lächel

    schön, deine phantasien über mich freu
    allerliebste grüße von babsi

  14. andrea2007 Says:

    Liebste Babsi, das ist nicht lieb gesagt, das MEINE ich so. Und deshalb übersehe ich natürlich nicht die Nachteile, die Du auch damit hast, so wie Du es beschreibst. Das war bestimmt ganz schlimm für Dich. Ich konzentiere mich trotzdem einfach lieber auf das Gute und das ist die Kraft der Langsamkeit, so wie Du sie wundervollerweise nennst. Allerliebste Grüsse auf das Sofa:-) Andrea

  15. Mamü Says:

    Das ist ja auch ganz richtig so, liebe Andrea. Cliffhanger nennt man das, soweit ich weiß.🙂 Arbeiten auch viele Schriftsteller mit. Dan Brown z.B.

    Ich bemühe mich auch, Beiträge nicht zuu lang werden zu lassen, nicht jeder mag sie lesen. Ich auch nicht immer, es sei denn sie sind wirklich super locker geschrieben.🙂 Aber manchmal geht es auch nicht, sie zu teilen, so wie bei meinem letzten.🙂

    Nun aber den Leser nicht zu lange zappeln lassen, das mag er nämlich auch nicht.😉

    Liebe Grüße,
    Martina

  16. andrea2007 Says:

    Liebe Martina, cliffhanger… so nennt man das „abhängen, um Ideen zu bekommen“? Bei Deinem letzten Beitrag war kein Wort zuviel, sondern jedes Wort genau richtig!!! Ok, ich lass Dich jetzt nicht mehr so lang zappeln, morgen oder übermorgen kommt die Fortsetzung:-) Liebe Grüsse Andrea

  17. Die vier Hürden zur Wiederentdeckung der Musse « Leben und Lieben in St. Moritz Says:

    […] Die vier Hürden zur Wiederentdeckung der Musse By andrea2007 hier die versprochene Fortsetzung dieses Artikels: […]

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