Haben wir nicht alle gern die Kontrolle?

Wie in meinem Beitrag über „Seelenfreunde und Loslassen“ versprochen, nun ein weiterer Auszug aus dem Buch „Eat, love and pray“ von Elisabeth Gilbert.

„Dann frage ich Richard:“ Wie lange wird es also dauern, bis dieses ganze Leiden endlich aufhört?“ „Willst Du ein genaues Datum?“ „Ja.“ „Einen Tag, den du dir im Kalender ankreuzen kannst?“ „Genau.“ „Ich will dir mal was sagen, Groceries – Du hast ein ernsthaftes Problem mit der Kontrolle.“

Meine Wut über diese Äusserung brennt wie Feuer. Ein Problem mit der Kontrolle? ICH? Ich habe Lust, Richard für diese Beleidigung zu ohrfeigen. Doch dann erkenne ich hinter meiner Gekränktheit und Empörung die Wahrheit. die unmittelbare, offensichtliche, lachhafte Wahrheit.

Er hat Recht.

Das Feuer in mir erlischt so schnell, wie es aufgelodert ist. „Du hast völlig Recht“, sage ich. „Ich weiss, dass ich Recht habe, Baby. Hör zu, du bist eine starke Frau und gewöhnt, zu kriegen, was du haben willst, und in den letzten paar Beziehungen hast du das nicht gekriegt und deshalb bist du jetzt völlig blockiert. Das Leben hat sich einmal nicht deinem Willen gebeugt. Und nichts bringt einen Kontrollfreak mehr auf die Palme, als wenn ihm das Leben einen Strich durch die Rechnung macht.“
„Nenn mich bitte nicht einen Kontrollfreak.“
„Aber du hast ein Problem mit der Kontrolle, Groceries. Nun komm schon. Hat dir das noch keiner gesagt?“ Naja, … doch. Aber wenn man sich von jemandem scheiden lässt, hört man nach einer Weile auf, sich all die gemeinen Sachen anzuhören, die der andere einem zu sagen hat… Also reisse ich mich zusammen und gebe es zu:“ Okay, wahrscheinlich hast du Recht. Vielleicht hab ich ein Problem mit der Kontrolle. Ist nur komisch, dass es dir aufgefallen ist. Weil ich nicht glaube, dass es so sehr auffällt. Ich meine- ich wette, die meisten Leute sehen mir dieses Problem nicht auf Anhieb an.“

Richard aus Texys lacht so schallend, dass ihm fast der Zahnstocher aus dem Mund fällt. „Nein? Sogar Ray Charles wüde das sehen, Süsse.“
„Okay, ich glaube, ich habe jetzt genug, vielen Dank.“
“ Du musst lernen, wie man loslässt, Groceries. Sonst machst du dich fix und fertig. Wirst nie wieder ordentlich durchschlafen. Dich ewig drehen und wälzen und dir Vorwürfe machen, weil du so eine Versagerin bist. Was ist nur mit mir los? Warum hab ich all meine Beziehungen versaut? Warum bin ich so eine Niete?  Lass mich raten – mit solchen Fragen hast du dich doch gestern Nacht wieder mal stundenlang rumgeschlagen.“

„Okay, Richard, das reicht“, sage ich. “ Ich will nicht, dass du dich weiter in mich hineinversetzt und in mir herumtrampelst.“
„Dann mach die Tür zu“, sagte mein grosser Yogi aus Texas.“

Mal ehrlich: Haben wir nicht alle gern die Kontrolle?

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7 Antworten to “Haben wir nicht alle gern die Kontrolle?”

  1. Dori Says:

    Also mal ganz ehrlich, liebste Andrea,

    so vor 10 Jahren hätte ich absolut diese Person aus dem Buch sein können.

    Ich glaube, die Kontrolle passt zu Menschen, die sich selbst
    wert-los fühlen und keine Selbst-Liebe haben.

    Ein Mensch, der in seiner Mitte ist, braucht keine Kontrolle. Denn er hat Vertrauen.

    Sonnige Grüße

    Dori

  2. andrea2007 Says:

    Liebe Dori, wie schön Deine Worte. Ich bin nicht die Frau in der Geschichte, bin aber auch noch nicht so weit wie Du und wenn ICH ehrlich bin, hab ich über gewisse Dinge immer noch gern Kontrolle, nicht über andere Menschen, das hab ich abgestellt, aber nennen wir es mal gemildert so, ich mag und brauche immer noch eine gewisse „Ordnung“. Vor allem, wenn ich mal „aus meiner Mitte rutsche“…:-) vertrauensvolle Grüsse Andrea

  3. Mamü Says:

    Oje, liebe Andrea,

    ich glaube, ich bin ein Kontrollfreak. Schuldig im Sinne der Anklage. 😀 Andere Menschen mag ich allerdings auch nicht kontrollieren, um Himmels Willen, aber ich finde es trotzdem klasse, wenn es so kommt wie ich es gerne hätte. 🙂 Ich liebe ja auch Überraschungen… solange sie so sind, wie ich sie mir wünsche. 😉 Jetzt muss ich tatsächlich über mich selbst lachen. Na, da muss ich wohl noch enorm an mir arbeiten. Ich gebe zu, dieses Vertrauen, von dem Dori spricht, ist mir in den letzten Jahren wohl abhanden gekommen, falls ich es überhaupt jemals in dieser Dimension hatte.

    Etwas nachdenklich macht es mich, dass Kontrolle ein Grund sein kann, sich wertlos zu fühlen oder dass man kontrollieren möchte, weil man sich wertlos fühlt? Hmmm…

    Grübelnde Grüße,
    Martina

  4. Schonzeit Says:

    es spricht ja nichts gegen Kontrolle. Doch wenn sie einziger lebensinhalt ist, dann wird das schon ein sehr stressiges Leben. Eine gesunde Waage zwischen beiden Dingen ist sinnvoll. Ich bin zum Beispiel zu sehr der Mensch der auf etwas vertraut. Ist auch nicht sooooo gut auf Dauer.

  5. Schaps Says:

    Antürlich hat man gerne die Kontrolle. Man darf auch gerne versuchen mögslichst viel zu kontrollieren. Aber irgendwann wird es krank und für das Umfeld unerträglich…also sollte man auch lernen von seiner Kontrollwut loszukommen und etwas gemäßigter werden, sonst macht man sich selbst kaputt und verliert sein Umfeld.

  6. andrea2007 Says:

    Ihr Lieben, nach Euren tollen Komentaren hab ich „Kontrolle“ erstmal bei Wikipedia nachgeschaut: die erste Bedeutung ist „Überprüfung, Nachprüfung“, das find ich nicht negativ belegt. Weiter geht es mit „Beherrschung“ …eines Autos, eines Hobby’s usw, auch das find ich noch nicht negativ. Bei der Beherrschung einer Person klingeln bei mir dann die Alarmglocken…

    Auch bei Kontrolle gilt, wie bei sovielen Dingen im Leben, einfach masshalten, nicht übertreiben, nicht krankhaft werden. und so seht Ihr das scheinbar auch, Herr Schonzeit und Schaps. Behalte Dir Dein Vertrauen, Herr Schonzeit, das ist etwas sehr Schönes!

    Liebe Martina, auf EINES kannst Du immer vertrauen, auf Deinen HUMOR. Ich freu mich jedes Mal so sehr über Deine Kommentare, Du schaffst es mit einem entwaffnenden Humor über Dich selber zu lachen und mich auch zum Lachen zu bringen. Das ist eine GABE.
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass DU Dich wertlos fühlst, also kontrollier 🙂 doch nochmal Deine eigene Meinung, Du seist ein Kontrollfreak… bist vielleicht doch gar nicht so schlimm…:-)

  7. Mamü Says:

    Liebe Andrea,

    ich glaube, ich drucke mir das aus und wenn es mir nicht gut geht, lese ich das noch mal, was du über mich und meinen Humor geschrieben hast. 😀 Fühlt sich gut an, beim Lesen. Ich danke dir, besonders für die Gabe.

    Also, ja, ich könnte noch mal kontrollieren, ob ich kontrollieren will… ja, das könnte ich. Vielleicht bin ich ja tatsächlich gar nicht so schlimm… aber zählt das, wenn ich das selbst feststelle? 😀

    Ich denke, ich bin da in einem ganz normalen Kontroll-Bereich 😉 , nichts Krankhaftes, oder so, was ja nicht heißt, dass es nicht noch besser werden könnte. Gelassenheit wäre gut und Geduld.

    Liebe Grüße,
    Martina

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