Das Phänomen „Der Tourist, der nie Zeit hat“

Es ist für mich wirklich immer ein Phänomen, als Tourist hat man nie Zeit. Als Tourist hat man soviel Programm, dass man fast gestresster ist, als zuhause; als Tourist muss man möglichst viel Hektik verbreiten, als Tourist ist man fix und fertig am Abend; als Tourist drängelt man an vollen Supermarkt-Kassen, auch wenn es dadurch selbstverständlich nicht schneller geht.

Im Winter schon oft erlebt, klassischer Fall:

Die Familie stresst direkt von der Autobahn nach 8 Stunden Autofahrt ins Geschäft: Ski mieten, man will ja morgens gleich ganz früh auf die Piste. Vater sucht noch einen Parkplatz, Mutter mit Kindern geht schon los, man könnte ja ein paar Minuten der kostbaren Urlaubszeit verlieren. Schnell, schnell. Unsere Jungs lassen sich zum Glück nicht hetzen und haben bereits nach 10 Minuten auch den Stresspegel der Frau abgebaut.
Das dauert nur so lange, bis der Mann im Laden erscheint, Stresspegel wieder ganz oben, sie merkt, sie hat diverse Dinge vergessen einzupacken. Der Mann soll’s nicht merken (schaut der sich seine Kreditkartenrechnung etwa nie an?). Ich wickle den Kauf der Handschuhe und diversen Assecoires schnell und diskret mit ihr ab, während der Mann sich erstmal zeigen lässt, was denn die Familie alles gemietet hat. Schnell, schnell, gleich sind wir noch mit Familie XY zum Apero verabredet und auspacken müssen wir auch noch…

Letzte Woche im COOP in St. Moritz: Vor mir ein älteres deutsches Ehepaar, sie stresst und zickt und seufzt vorwurfsvoll, weil es nicht schnell genug geht, er dreht sich schon immer zu mir um und denkt, ICH würde sie antreiben, dabei bin ich ganz ruhig und friedlich und warte vor mich hin.
Und dann passiert das Furchtbare: der Kassenscanner liest den Code der Bierflasche nicht sofort, die Kassiererin muss mehrmals drüberscannen, bevor es geht. Und was erlaubt sich der Kunde? Er mault sie lauthals an: „Bei Aldi geht das aber schneller.“ HALLO? Gehts noch? Die Kassiererin regt sich – zu Recht- noch drüber auf, als ich längst bezahlt habe und verabschiedet mich mit den Worten: „Zum Glück sind nicht alle Kunden so, sonst müsste ich sofort den Job wechseln!“

Die Leute auf dem Campingplatz haben den ganzen Tag Zeit, wenn sie aber eine Portion Pommes bei mir bestellen, können sie kaum drauf warten, „wie lange dauert’s? ich frag ja nur…“ ich kann ihnen die Pommes natürlich auch gefroren geben…

Ich finde es schrecklich, dass man nicht einmal mehr in den Ferien Zeit zu haben scheint. Also wenn ich Ferien habe, dann möchte ich mich erholen, dann möchte ich eben NICHT so rumstressen wir zuhause. Sehen diese gestressten Menschen überhaupt noch, in welch schöner Landschaft sie hier sind?  Checken Sie überhaupt noch, was der GRUND für Ihren Urlaub ist, nämlich mal ohne Termine zu leben? Ohne Druck? Ich lasse mich zwar nicht von der Hektik der Kunden anstecken, sondern werde dann extra ganz ruhig, aber je länger je mehr und natürlich je nach Tagesform nervt mich diese Hektik einfach.

Mein Kollege hat schon mal zu einem gestressten Kunden gesagt: „Langsam, langsam, Sie sind doch in den Ferien hier und nicht auf der Flucht!“

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12 Antworten to “Das Phänomen „Der Tourist, der nie Zeit hat“”

  1. Schaps Says:

    Andrea! Wie wahr wie wahr! Ich hasse das auch immer wenn meine Eltern so rumnerven…andauernd Streitereien wegen nix und dieses Gehetze..aaahhh! Ich persönlich bin jedesmal froh wenn es vorbei ist. Hört sich schlimm an, aber so schlimm ist es nun auch nicht. Aber Familienurlaub ist immer etwas stressig bei uns. Aber das ist ja das Schöne, man sieht daran wie man es selbst später nicht machen will 🙂

  2. Sicht-Feld Says:

    Liebe Andrea, Stress im Urlaub ist doch wirklich furchtbar! Ich meine, ich kann es an den Reisetagen noch verstehen, wenn es heiß ist im Auto und die Kinder quengeln und man steht im Stau und die Fahrt dauert ohnehin schon sechs Stunden usw. Aber man sollte doch in der Lage sein, dann wenigstens vor Ort abzuschalten und zu genießen und nicht in diesen Freizeitstress zu verfallen und andere auch noch anzustecken!
    Peinlich ist es mir immer, wenn ich im Ausland bin und dort miterlebe, wie sich manche deutschen Touristen dort so benehmen – wie der Herr bei COOP, von dem Du schreibst. Ich möchte mich da immer ganz klein machen und möglichst fließend Englisch sprechen, damit mich keiner für genau so eine Deutsche hält. Aber andererseits hat man so vielleicht auch mal die Chance zu zeigen, dass eben nicht alle Deutschen so sind…
    Liebe Grüße in die Schweiz! Mareike

  3. zentao Says:

    Liebe Andrea,
    nimms nicht so schwer,
    der Mensch ist halt so. Du kannst die Menschen nicht ändern, jeder kann nur sich selber ändern.Alles Aufregen bringt dir nichts und ist nur ein Ausdruck Deines Eigenen inneren Stress den Du möglicher weise auch hast und eben in Deinem gestressten Gegenüber auch siehst. Das was uns fehlt (die Ruhe ) und das was wir zu viel haben (Ärger Stress ) das sehen wir im anderen.
    Es gibt genau so ekelhafte Schweizer, vor allem im Ausland, wie es in allen Nationen gibt. Noch einmal, das was wir ähnliches haben, das sehen wir, dabei sind wir genau gleich. Nur der verschiedene oder veränderte Blickwinkel macht es aus. Wenn wir die Perspektive ändern ändern wir das ganze Bild.
    Liebe Grüsse zentao

  4. Schonzeit Says:

    es ist ja nicht nur ein Problem im Uraub. Ich selbst bin leider auch manchmal unentspannt und gebe das dann auch weiter. Später ist mir das unangenehm, aber in der Situation kann ich nicht anders.

    Menschen sind halt so. Manche Menschen leider Gottes 24 Stunden am Tag und das auch im Urlaub, ja.

  5. Elisabeth Says:

    Schwierig, schwierig, jetzt, wo wir das auch mit dem Spiegeln wissen… Wer spiegelt da wen? Wessen Stress färbt sich auf wen ab? Vielleicht kann man versuchen, die Touristen aus ihrer Alltagstrance herauszuholen, in der sie scheinbar immer noch drinnen sind!?
    Herz-lichst Elisabeth

  6. Alex Says:

    Bun di Andrea,

    ich gehör zu der Gattung Urlauber, die sich in sachen Geschwindigkeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einer Weinbergschnecke liefern. Und was gibt es schöneres als gemütlich an soliden Holztischen zu sitzen, ein Bier zu trinken, einen Cheesebruger zu essen und den Corvatsch anzuschauen…

    Viva la Grischa.

  7. Mamü Says:

    Liebe Andrea,

    ja, so ist das mit Urlaub. *lach* Bloß keine kostbare Urlaubszeit verschwenden… dabei fängt Urlaub im Inneren an…

    Obwohl ich es verstehen kann, dass man möglichst wenig Zeit mit Dingen im Urlaub verbringen will, die nur lästig sind, um mehr Zeit für die schönen Dinge zu haben. 😀 Schließlich hat man sich das ganze Jahr darauf gefreut und hat nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Und die soll natürlich der Hit werden. Doch bringen tut das nichts. Schneller gehts auch nicht, im Gegenteil. Und mit diesem Druck erreicht man das Gegenteil von Urlaub. 😀

    Ich würde sagen, 2 oder 3 Wochen im Jahr können unmöglich all den Stress und die Hektik „aufarbeiten“, die man sich das ganze Jahr über angetan hat. Da braucht es dann mehr als 2 oder 3 Wochen, um sich davon zu erholen. Von Turbo auf Gemächlich umschalten, einfach so auf Knopfdruck, geht nicht so schnell. 😀

    Vielleicht sollte man seine ganze Lebensweise in solch einem Fall überdenken… Schließlich weiß doch jeder: In der Ruhe liegt die Kraft.

    Wie schön, dass wenigstens ihr, die diese hektischen Touristen ertragen müsst, die Ruhe bewahrt. Meistens jedenfalls. 😉
    Und wenn ihr dann nach er Saison geschafft seid, braucht ihr vermutlich erst mal Urlaub. 😀

    Liebe Grüße,
    Martina

  8. gokui Says:

    „mal so zum nachdenken“

    ja so ist das eben. die menschne brauchen den stress um sich selbst zu sagen, ich bin wichtig ich habe erwartungen – und die erwartung das diese erwartungen erfüllt werden ist die wichtigste.

    das geht dann solange bis die ersten ne´ kolik bekommen oder gar einen herzinfarkt – im urlaub. dann haben sie stress pur, vor allen dingen aber der notarzt.

  9. andrea2007 Says:

    Schön Eure Geschichten und Gedanken zum Thema, es ist alles sooo menschlich.

    Wart nur Schaps, vieles das man NICHT machen möchte wie seine eigenen Eltern, macht man erstaunlicherweise nachher trotzdem genauso…:-)

    Liebe Mareike, ja an den Reisetagen ist immer ein wenig Stress wegen Zeitplan, Autopacken, was auch immer, das ist normal. Und zum Glück sind nicht nur Deutsche im Ausland manchmal etwas…. gewöhnungsbedürftig…;-)

    Lieber Zentao, das kam wohl falsch bei Dir rüber: ich behalte gerade dann die Ruhe, wenn die Touristen stressig sind, sonst würde das Ganze ausarten. Desahlb ERKENNE ich aber immer noch den Stress und ich wundere mich darüber, das man nicht mal im Urlaub runterfahren kann. ICH kann das doch auch und ich hab auch sehr viel Druck im Job…gerade deshalb freu ich mich über friedliche Ferien…

    Ja Herr Schonzeit, Du hast wohl recht, manche Menschen sind so und dann sind es eben immer, auch in den Ferien…

    Na Alex, das kannst Du dann ja bald beweisen:-)

    Liebe Martina, Du hast das mit dem nötigen Humor verstanden, was ich meinte. Schön! Und Du hast natürlich recht, dass man nicht so schnell umschalten kann, wenn man nur 2 wochen ferien hat. (obwohl mir das recht gut gelingt, das ist wohl die jahrelange Übung) Ja wir bewahren meistens die Ruhe und wenn man nicht, dann müssen wir nachher drüber lachen, und wenn die Touristen hier alle abgereist sind, dann gehen WIR mal Touristen spielen:-)

    Lieber Gokui, das stimmt! Hektik und Stress verbreiten hat ganz sicher auch oft mit Wichtig-machen zu tun. Vor sich selber und vor den anderen. Schön daran ist manchmal, dass HIER soviele „wichtige“ Leute auf einen Haufen sind, dass sich die Wichtigkeit ganz von selbst wieder relativiert 😉

  10. Ernst Says:

    Hallo Andrea und alle!

    Ich unterbreite den Vorschlag alle „Gestressten“ nach Persien oder sonst in ein Land des mittleren Osten auf Urlaub zu schicken.
    Ich war vom 03.05 bis 17.05 im Rahmen eines universitären Austauschprogrammes (oder auch ethnologische Feldforschung)als Mitreisender mit 33 Studenten/innen im Iran. (ich war auch schon 2005 im Iran und kannte die Gegebenheiten) – die Gruppe versuchte zwei Tage lang das man sich minutiös an das vorgegebene Programm halten solle – am 3.Tag haben Sie aufgegeben.
    Denn in diesen Regionen gibt es ein anderes Zeitgefühl samt anderer Mentalität.
    Tradition ist, das bevor etwas Startet 20 Minuten Minimum (meistens länger) Erklärung oder Verhandlung stehen. Auch Begin

  11. Ernst Says:

    Fortsetzung:

    Auch Beginnzeiten sind nicht „westlich“ zu nehmen.
    Das lernt man dort ziemlich schnell und schon stellt sich der Antistresseffekt ein.

    Grüße aus Wien und Hodahofez!

  12. gokui Says:

    relativieren: das ist doch das schlagwort zum thema – oder es sollte es sein, gell ?
    schönen tag noch

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