Die fromme Helene

 

„Helene!“ – sprach der Onkel Nolte –
„Was ich schon immer sagen wollte!
Ich warne dich als Mensch und Christ:
Oh, hüte dich vor allem Bösen!
Es macht Pläsier, wenn man es ist,
es macht Verdruss, wenn man’s gewesen!“

„Das Treiben der kleinen und nicht ganz so kleinen Leute in seiner Umgebung spießte der in Wiedensahl bei Hannover geborene Humorist, Satiriker, Menschenbeobachter und Karikaturist Wilhelm Busch genüsslich auf – und konnte dabei selbst in seinen zynischsten Momenten nicht verleugnen, dass er sie mochte, all die selbstgerechten Spießer und Scheinheiligen, dass er sie verstand.

So nimmt er auch in seiner berühmten Bildergeschichte Die fromme Helene ( hier alle Kapitel) die frömmelnde Heuchelei bürgerlicher Schichten aufs Korn. Mit lehrhaft erhobenem Zeigefinger, in Zipfelmütze und Schlafrock, den Attributen des Philisters, predigt da der Onkel Nolte seine eingangs zitierte Weisheit, die vor Scheinheiligkeit nur so strotzt. Die kleine Helene lässt sich von derlei unglaubwürdigen Moralpredigten denn auch kaum beeindrucken und führt – den fortwährenden Ermahnungen zum Trotz – ein Leben genüsslicher Sündhaftigkeit. Wie bei seinen berühmten Lausbuben Max und Moritz weckt Wilhelm Busch auch hier die Sympathien seiner Leser eher für die scheinbar üblen Missetäter denn für die moralisierenden Besserwisser. Genussvoll und stets augenzwinkernd zelebriert Busch – zeit seines Lebens leidenschaftlicher Raucher – Helenes Niedergang bis zum schrecklichen Ende: Der Versuchung des Alkohols erlegen fängt Helene Feuer und endet als kümmerlicher Aschehaufen. Ihre Seele schnappt sich der Teufel, was den tugendsamen Spießer Nolte selbstzufrieden (und erneut mit erhobenem Zeigefinger) räsonieren lässt:

„Das Gute – dieser Satz steht fest –
Ist stets das Böse, was man lässt!“

Mein Vater las mir als Kind jeden Abend aus diesem dicken grossen Buch in der alten Schrift (die ich dadurch noch lesen lernen durfte) vor, die gesammelten Werke des Wilhelm Busch. Satirische, lustige und meist recht drastisch endende Geschichten; ein Wunder, dass ich keine Albträume davon bekam. Aber für mich war – und ist- dieses Buch der Inbegriff der trauten Zweisamkeit mit meinem Vater. Das war etwas ganz Besonderes.

Und wie es scheint, auch für ihn. Denn dieses Jahr bekam ich eine Geburtstagskarte mit eben jenem Text ganz oben, mit der er sich an diese längst vergangene Zeit erinnerte…eine schöne Erinnerung.

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2 Antworten to “Die fromme Helene”

  1. Ulf Runge Says:

    Schön!
    Das Schöne am Älterwerden ist, wenn man sich gemeinsam zurückerinnern kann an Schöne Begebenheiten.
    Das Schwermütigmachende am Älternwerden ist, wenn die, mit denen man sich gemeinsam zurückerinnern könnte und möchte, wenn die einfach wegsterben.

    Liebe Andrea, genieße diese schöne gemeinsame Erinnerung mit Deinem Vater! Du hast das sehr schön beschrieben.

    LG, Ulf

  2. Bücher « Leben und Lieben in St. Moritz Says:

    […] Mädchen war das Schönste am Tag, wenn mir mein Vater vor dem Schlafengehen am Bett aus dem grossen dicken Buch von Wilhelm Busch vorlas oder meine Mutter aus Otfried Preussler’s “Das kleine Gespent”, “Der […]

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