Familiengeschichte… Der erste Urlaub

1948 fuhr mein Vater das 1. Mal in den Urlaub, mit seiner späteren 1. Ehefrau Hannelore nach Juist! Wie er auf die Idee kam? Sein Schwarzhändler hatte ihm das vermittelt:-)

Er schaffte es, das seine zukünftigen Schwiegereltern, ihn mit seinen 17 Jahren mit ihrer Tochter -auch 17 jährig- 3 (!) Wochen an die See fahren zu lassen. Als ich ihn fragte, wie er das durchgebracht hatte, grinste er verschmitzt und erklärte: “ Wir hatten damals immer genug zu essen, Hannelore’s Familie aber hatte fast gar nicht zu essen. Da hab ich ihnen schmackhaft gemacht, wie gut ihr die Seeluft tun würde und dass ich immer dafür sorgen würde, dass sie genug zu essen bekommt.“ Heute unvorstellbar, war das  damals das zündende Argument.

Die nächste wichtige Reisevorbereitung meines Vaters war Geldbeschaffung. Er bat ganz unschuldig meinen Grossvater, ob er ihm denn ein bisschen Geld mitgeben würde. Als mein Grossvater ihn fragte, an wieviel er denn gedacht hätte und er „1000 Mark“ sagte, flippte der natürlich aus –  nicht wissend, dass mein Vater bereits 3000Mark selber zusammenbekommen hatte… Es war direkt vor der Währungsreform und Geld war im Grunde wertlos, zumal man nichts kaufen konnte, denn es gab nichts zu kaufen. Daher die ganzen Tauschgeschäfte. Auch Reifen gab es nur gebraucht.

So reisten mein Vater und seine Hannelore dann per Bahn zumächst von Bielefeld nach Hamm per 1. Klasse-Ticket, Ergebnis eines der unzähligen Tauschgeschäfte meines Vaters zu der Zeit, mit 3 Koffern schwer bepackt.  2 Koffer mit Kleidern, der 3. Koffer, ein schwerer Holzkoffer, bis oben hin mit Lebensmitteln gefüllt. Das war natürlich der wichtigste Koffer.

Ab Hamm fuhren sie dann mit dem „Hamsterzug“, in dem das ganze Ruhrgebiet nach Ostfriesland zum „hamstern“ fuhr, sie klapperten die Bauernhöfe nach Essen ab, machten Tauschgeschäfte, so wie das damals eben lief. Nun stand mein Vater die ganze Fahrt über und passte argwöhnisch auf seinen „Fress-Koffer “ auf.

An der Norddeicher Mole angekommen, teilte ihnen ein herbeieilender Gepäckträger in breitem Friesisch mit: “ Nee, das Schiff, das is jetzt wech, da müssen Se wohl hier übernachten.“ Für eine Handvoll Zigaretten – 1 Zigarette kostete damals 6 Mark!) organisierte er das für die beiden und mein Vater bestellte 2 Einzelzimmer. Woraufhin sich die dicke Wirtin vor ihm aufbaute und bellte:“ Wofür bestellen Se denn 2 Zimmer, Se schlafen doch eh in einem.“ 🙂

Auf Juist angekommen, lieferte mein Vater im Hotel Westfalenhof, in dem sie untergebracht waren, 2 Flaschen Schnaps ab –  als Ausgleich für den Zentner Kohle und den Zentner Kartoffeln, die sie eigentlich hätten bringen müssen. Der Schnaps kam natürlich wieder von seinem Schwarzhändler.

Eine Flasche Schnaps kostete im Restaurant 450 Mark und man konnte nur eine ganze Flasche kaufen, keine Gläser. Also bestellte auch er eines abends für sich und Hannelore eine Flasche Schnaps, „ja und die wurde dann auch ausgetrunken und dann war man eben betrunken“, erinnerte er sich mit einem breiten Grinsen.

Als das Zimmermädchen dann am nächsten Morgen an seiner Tür klopfte, konnte er daher mit seinem Brummschädel nicht so schnell antworten und hörte nur, wie das eine Zimmermädchen zum anderen sagte:“ Bei dem musste nicht klopfen, der schläft eh immer in dem anderen Zimmer.“ 🙂

Die mitgebrachten Lebensmittel gaben sie in der Hotelküche ab und liessen sie sich dort nett zubereiten. Mein Vater verriet mir: „Ich wusste, das sich das Küchenpersonal sich etwas stibietzte, aber das war ok, ich hatte ja genug dabei und so hatten wir immer ein schönes Frühstück.“

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7 Antworten to “Familiengeschichte… Der erste Urlaub”

  1. hispace Says:

    hallo andrea, deine 2 geschichten von deinem papi und deinem opi lesen sich ja wie wenn man einen alten film anguckt…ich konnte mir das bildlich richtig gut vorstellen. toll, dass du das alles aufschreibst, da so vieles in vergessenheit gerät. alles liebe hispace

  2. andrea2007 Says:

    Hallo Hispace, ja das empfinde ich auch so, er hat nicht einfach nur „von früher erzählt“, sondern wirklich eine Geschichte erzählt. und ich hatte richtig das Bedürfnis, sie aufzuschreiben, weil sie zu schön ist, um in Vergessenheit zu geraten… lgr andrea

  3. gokuhi Says:

    hallo zusammen,

    ja einr richtige gute geschichte. wie einfach doch damal alles war, trotz der ganzen unbequemlichkeiten. die nachkriegszeit faziniert mich auch immer wieder.

    @hispace: du schreibst nur „klein“ ?
    *wunder sich*

  4. hispace Says:

    @gokuhi Warum „wundert sich“ du kennst doch mein Rechtschreibproblem und beim Kleinschreiben muss ich nicht so arg überlegen;-) und schreib jetzt ja nicht, dass dies das Schreibprogramm korrigiert, weil da immer noch viel übrig bleibt, was nicht richtig geschrieben ist. lg hispace

  5. andrea2007 Says:

    also ihr lieben, ich schreibe auch oft nur klein, aus bequemlichkeit. bei privaten mails immer, bei kommentaren auf blogs immer öfter. ich finde das total ok. liebe grüsse, andrea

  6. gokuhi Says:

    ist mir noch nicht so aufgefallen bei euch, sorry. wie unaufmerksam von mir. ich mach es eigentlich auch aus bequemlichkeit bzw. um zeit zu sparen…

  7. Ulf Runge Says:

    LiEbE aNdReA,

    😉

    das sind schöne Geschichten, die Du aufschreibst. Das riecht nach mehr,
    vielleicht auch Geschichten, die Du hier nicht veröffentlichen möchtest.
    Aber: Schreibe sie auf, und schenk Sie Deinen „Alten“ zu Weihnachten oder zum Geburtstag, Ihr werdet viel Freude haben, Ihr werdet andere Seiten von Euch kennenlernen.
    Jetzt.
    Nicht erst dann, wenn es zu spät gewesen wäre.

    LG, Ulf

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