Ein Nachruf auf die Postkarte von Birgit Schmid im Magazin des Tagesanzeigers (11.07.09)
“Wenn Telefonkabinen die Dinosaurier des Kommunikationszeitalters sind, kann man Ansichtskarten als Keilschrift- Tontafeln bezeichnen: behäbig, zeichenhaft, schmuck, vom Austerben bedroht. Wer schreibt heute noch Postkarten? Wer erhält noch welche zugeschickt? Stattdessen Feriengrüsse ohne Körper und Geruch, ohne Sonnenölflecken und die steile Handschrift von Freundin M., dieses einst so vertraute Bild persönlicher Prägung, das man seit Jahren nicht mehr zu sehen bekam, weil man auch keine Briefe mehr mit Füller oder Kuli schreibt.
Stattdessen auch auf Reisen SMS, MMS und E-Mails, die spurlos von irgendwo abgehen, Medien, bei denen der Empfänger oft zwischen den Zeilen lesen muss, da sie es erlauben, verklausuliert oder auschweifend zu schreiben. Die Ansichtskarte in ihrer Eindeutigkeit: ” Das Wetter ist schön. Wir essen gut. Meer über 25 Grad.” lässt keine Fragen offen, verlangt nie eine Antwort.
Nur ein “Danke”, das gehört sich. Man darf es erwarten weil Ansichtskartenschreiben aufwendig ist. Man fühlt sich nicht wirklich aufgehoben, wenn man in der stechenden Sonne die fünf Karten für die üblichen Adressaten am Drehständer auswählt, nie ist man mehr Touristin. Briefmarken kaufen, vier Sätze schreiben, den Ehemann nötigen, seine Unterschrift mit drunter zu setzen, Adresse recherchieren, Briefkasten suchen.
Einwerfen! Der Aufwand fürs Postkartenschreiben mag gross sein. Das spricht noch nicht dagegen, die Tradition wieder mal aufzunehmen.
Auf 10.5 mal 14.8 Zentimeter dünnem Karton gibt es keinen Platz für Ausschweifungen. Ein Ausschnitt von Welt im A6-Format, und was für eine Welt: knallfarbig, selbst Kalkutta als Hochglanzprospekt, die volle Postkartenästhetik. Die Schönheiten eines Landes verdichtet, wie man sie in dieser Überdosis nie zu sehen bekommt, weil es sie so gar nicht gibt. Eine der meistverkauften Karten der Schweiz ist seit Jahren der Zürichsee, mit Eiger, Mönch, Jungfrau und Matterhorn in den Hintergrund montiert. Ansichtskarten nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau, warum sollten sie. Ferien sind immer eine Übertreibung. Man schläft zu viel, isst zu viel, trinkt zu viel und verklärt selbst die Tage als Sardine an der Costa Brava.
Die Postkarte nimmt die schön gefärbte Ferienerzählung vorweg. Kein anderes Medium generiert so viel Lügentext. Denn der Sonnenuntergang auf Bali oder die glitzernden Schneeberge dulden auf der Rückseite keinen schlechten Frass, krebsrote Haut oder Hudelwetter. Mit den lieben Grüssen, so banal sie sind, schickt man immer ein Lächeln. Es ist die letzte positive Post unter all den Rechnungen, die heute noch im Briefkasten liegen.
[...] Mit dem Ende der Postkarte geht etwas verloren. Die Postkarte nimmt sich das Indianerwort zu Herzen von der Seele, die immer länger als der Körper hat, bis sie zuhause ankommt. Sie trifft meistens ein, wenn man bereits wieder im Räderwerk des Alltags steckt und die Erinnerungen an die Ferien verblassen wie die Ansichtskarte, die vom ersten Meerurlaub noch immer in der Diele hängt. [...]“
Also ICH bekomme gerne Postkarten, auch wenn nur wenig Text draufsteht; und bis vor nicht allzu langer Zeit hab ich mindstens 10 Karten pro Urlaub verschickt. Ich gestehe, in den letzten Urlauben ist das ein wenig zu kurz gekommen, ich glaube, ich werde die Tradition wieder aufnehmen… denn “mit den lieben Grüssen, so banal sie sind, schickt man immer ein Lächeln.”
