…dieses Buch zum gleichnamigen Film von Wim Wenders fiel mir gestern in die Hände und ich erinnerte mich an einen Film, der mich angerührt hat, so seltsam ich ihn auch gleichzeitig fand. Ein Engel, der statt “in Ewigkeit” und “seit je” endlich mal “Jetzt” sagen möchte, ein Engel, der seine Unsterblichkeit für die Liebe zu einer Frau aufgibt.
Das folgende Gedicht zieht sich durch die ganze Handlung und ich mag es einfach.
Als das Kind Kind war,
ging es mit hängenden Armen,
wollte der Bach sei ein Fluß,
der Fluß sein ein Strom,
und diese Pfütze das Meer.
Als das Kind Kind war,
wußte es nicht, daß es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.
Als das Kind Kind war,
hatte es von nichts eine Meinung,
hatte keine Gewohnheit,
saß oft im Schneidersitz,
lief aus dem Stand,
hatte einen Wirbel im Haar
und machte kein Gesicht beim Fotografieren.
Als das Kind Kind war,
war es die Zeit der folgenden Fragen:
Warum bin ich Ich und warum nicht du?
Warum bin ich hier und warum nicht dort?
Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?
Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?
Ist was ich sehe und höre und rieche
nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?
Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,
die wirklich die Bösen sind?
Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,
bevor ich wurde, nicht war,
und daß einmal ich, der Ich bin,
nicht mehr der Ich bin, sein werde?
Als das Kind Kind war,
würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Mlchreis,
und am gedünsteten Bluemenkohl,
und ißt jetzt das alles und nicht nur zur Not.
Als das Kind Kind war,
erwachte es einml in einem fremden Bett
und jetzt immer wieder,
erschienen ihm viele Menschen schön
und jetzt nur noch im Glücksfall,
stellte es sich klar ein Paradies vor
und kann es jetzt höchstens ahnen,
konnte es sich Nichts nicht denken
und schaudert heute davor.
Als das Kind Kind war,
spielte es mit Begeisterung
und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals, nur noch,
wenn diese Sache seine Arbeit ist.
Als das Kind Kind war,
genügten ihm als Nahrung Apfel, Brot,
und so ist es immer noch.
Als das Kind Kind war,
fielen ihm die Beeren wie nur Beeren in die Hand
und jetzt immer noch,
machten ihm die frischen Walnüsse eine rauhe Zunge
und jetzt immer noch,
hatte es auf jedem Berg
die Sehnsucht nach dem immer höheren Berg,
und in jeder Stadt
die Sehnsucht nach der noch größeren Stadt,
und das ist immer noch so,
griff im Wipfel eines Baums nach dem Kirschen in einem Hochgefühl
wie auch heute noch,
eine Scheu vor jedem Fremden
und hat sie immer noch,
wartete es auf den ersten Schnee,
und wartet so immer noch.
Als das Kind Kind war,
warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum,
und die zittert da heute noch.
Peter Handke

18. Februar 2009 um 11:40 vormittags
Liebe Andrea,
oh, ist das schön. Eine Menge Erinnerungen an Eindrücke aus der Kindheit ruft Dein Gedicht in mir wach. Ja, vieles hat sich verändert seitdem, aber vieles ist auch geblieben, und vieles ist nur verschüttet in unserer Erinnerung und lässt sich leichter als man denkt wieder erwecken, wenn wir das Kind in uns herauslassen. Eine Möglichkeit, sich daran zu erinnern, ist das Gedicht, eine andere der tägliche Umgang mit einem Kind, das noch Kind ist.
Danke Dir!
Liebe Grüße,
Mareike
18. Februar 2009 um 12:48 nachmittags
Liebe Andrea,
als das Kind Kind war,
wusste es noch nichts von Peter Handke.
Da plapperte es drauf los und alle fanden es schön.
Als das Kind Kind war,
schien die Sonne und es freute ich daran
und machte noch nicht ein Problem daraus.
Als das Kind Kind war,
suchte es an allen Orten Freude
und da sucht es jetzt noch.
Ja, P. Handke ist nicht so mein Leib- und Magen-Autor. Eher Magen-Bitter-Autor… Und düster wie der Text sind auch viele Bilder in diesem Film. Immerhin kann man darüber nachdenken, ob es die Engel wirklichs so schön haben.
Herzliche Grüße
Jörg
18. Februar 2009 um 9:18 nachmittags
Liebste Andrea,
ich habe mir gerade das Gedicht 2 Mal durchgelesen, und alle Bilder meiner Kindheit stiegen sofort in mir auf. Ich habe mich als Kind nie wohl gefühlt, fühlte mich nicht zugehörig, habe oft gedacht, ich sei in der falschen Familie und im Krankenhaus vertauscht worden. Ehrlich gesagt ist das bis heute so geblieben.
Gerade heute habe ich den kleinen Anton besucht, 9 Monate und Patenkind meiner Tochter. Ein strahlendes, glucksendes, glückliches und lachendes kleines Bündel, wohlbehütet und geliebt von seinen Eltern. Welch ein Geschenk. Und welch ein kleines großes Glück.
Danke für die schönen Worte.
Allerliebste Sonnengrüße
Dori
18. Februar 2009 um 10:27 nachmittags
P.S.: ein verwirrender Film. Aber die Grund-Erzählung ist schön. Gruß J.
19. Februar 2009 um 10:05 vormittags
Liebe Mareike, danke für Deine Gedanken! Ja, dass Du Dir Dein Kind behalten hast, das spürt man immer wieder in Deinen Beiträgen und ich bin sicher, dass liegt nicht NUR am süssen Sichtfeldchen…:-) Liebe Grüsse Andrea
19. Februar 2009 um 10:08 vormittags
Liebe Jörg, ich kenne sonst nichts bewusst von Peter Handke, wie ich schon schrieb, diese Gedicht gefällt mir schon; allein der Satz: Als das Kind Kind war”, der löst einfach etwas Schönes in mir aus, ohne das ich das genau beschreiben kann (und will)…
“Als das Kind Kind war,
suchte es an allen Orten Freude
und da sucht es jetzt noch.”
Das da von Dir, das gefällt mir auch!
Liebe Grüsse Andrea
p.s. der Film war in einer schwierigen Phase meines Lebens irgendwie sehr beeindruckend und trotz düsterer Bilder sehr tiefgehend. Die Liebesgeschichte fand ich einfach anrührend.
19. Februar 2009 um 10:13 vormittags
Liebste Dori, danke für DEINE Worte. Ja, das hattest Du schon mal geschrieben, dass Du das so empfindest. Irgendwie traurig, aber ich weiss, dass Du damit ganz gut umgehen kannst und Dir ja Deine “eigene” Familie geschaffen. Das Bild vom kleinen Anton, das kommt so fröhlich und glücklich hier rüber, DANKE danke, Du freudespendende Sonnenschwester, allerherzlichste Grüsse Andrea
19. Februar 2009 um 10:33 vormittags
Stadt der Engel mit Nicolas Cache ist übrigens eine Neuverfilmung davon…
19. Februar 2009 um 10:51 vormittags
Ich weiss, lieber Schaps, hab ich auch gesehen und fand ich auch sehr beeindruckend, doch ist – wenn auch die Grundidee dieselbe ist- etwas komplett Anderes für mich. Aber auch ein schöner Film. Liebe Grüsse Andrea
19. Februar 2009 um 11:51 vormittags
Liebste Andrea,
hm, ich habe diesen Film nur teilweise gesehen, weil er mir zu düster war… Die Texte von Peter Handke sind interessant, regen zum Nachdenken an… War ich jedoch wirklich Kind als ich Kind war…??? Mir wurde die Bedeutung des Kindseins jetzt erst wirklich bewusst. Als Kind habe ich an all das noch gar nicht gedacht… Danke für den Gedankenanstoss, ich denke weiter, wie fühlt sich das an…!?
Allerliebste Sonnengrüße an dich von Elisabeth
19. Februar 2009 um 4:44 nachmittags
Liebste Elisabeth, ich bin sonst auch nicht für düstere Filme, dieser aber hatte eben seine Bedeutung. War auch eine spezielle Zeit in meinem Leben, spezielle Menschen taten ihr übriges:-) ICH war Kind bis ich von aussern gezwungen wurde, noch als Kind erwachsen zu sein… aber als ich Kind war, war ich wirklich KIND und noch heute erzählen mir viele Bekannte meiner Eltern, was für ein “Wonneproppen” ich war, immer am lachen…ich hoffe, das Weiterdenken fühlt sich richtig an für Dich! Herzlichste Sonnengrüsse Andrea
19. Februar 2009 um 7:29 nachmittags
Liebste Andrea,
ich kannt mal ein Lied
“Das ist derselbe Mond
derselbe Mond über Berlin”
das haben zwei ganz tolle Menschen zusammengesungen,
einmal sogar auf einer Beerdigung von einer Freundin
Jetzt habe ich mich daran erinnert.
Danke
Erika
20. Februar 2009 um 2:44 vormittags
Ich kenne dafür Himmel über Berlin noch nicht…
20. Februar 2009 um 8:24 vormittags
Liebste Erika, ich hoffe, es war trotz des traurigen Anlasses keine traurige Erinnerung… Eine liebe Umarmung, Andrea
20. Februar 2009 um 8:25 vormittags
Na dann, lieber Schaps, Du als Film-Fan, kannst Du das Experiment ja mal wagen, ihn Dir anzuschauen…Ist übrigens grösstenteils in schwarz-weiss, wenn ich mich recht erinnere…
20. Februar 2009 um 9:46 vormittags
Nein, das Lied ist so schön, hab sogar gesten abend erzählt, dass ich daran erinnert wurde. Mach Dir keine Sorgen, so schön, wenn man das hört, egal wo und ich habe es lange nicht gehört.Das war schön, dass ich daran erinnert wurde. Ich habe schon gemerkt, dass mein ganzes LEben aufgerollt wird, bei allen Blogs kommen Impulse, aber das finde ich ja grade so bereichernd und wunderbar
♥ ERika
20. Februar 2009 um 5:54 nachmittags
Liebste Andrea,
du weißt ja, dass ich insgesamt gerade in einem intensiven Veränderungsprozess stecke, wo auch sehr viel aus meiner Kindheit hochkam, nicht nur gute Erinnerungen, im Gegenteil… Aber ich nehme sie an, auch die schmerzvollen Erinnerungen, und integriere sie liebevoll, zudem schließe ich Frieden mit meinen Eltern und spüre, dass sie alles nur aus Liebe getan haben… Ja, danke dir, das Weiterdenken fühlt sich gut an!!!
Alles erdenklich Liebe für dich mit einer festen Umarmung von Elisabeth
20. Februar 2009 um 8:52 nachmittags
Du liebste Elisabeth, das weiss ich allerdings, bin ich ja auch und gerade die Kindheit (bei mir eher die Jugend), kommen ständig wieder hoch und “erklären” mir, warum gewisse Dinge bei mir so laufen und gelaufen sind…Auch für Dich auf Deinem weiteren Erkenne alles alles Liebe, Herzensgrüsse für Dich, Andrea